Aargauer Zeitung / Schweiz, 10. Oktober 2008; Text: Ruedi Mäder, Foto: Raphael Hünerfauth

Kunststofftechnik-Gruppe: Schweizer Marktleader in Rekordform – Chefwechsel nach fast 30 Jahren

Utz zählt zum Kreis der „Hidden Champions“, jener Firmen zumeist mit KMU-Format und in Familienbesitz, die in ihrer Branche den Ton angeben und Wachstumsgeschichten schreiben, ohne viel Aufhebens zu machen. Das Unternehmen wurde vor 61 Jahren als Werkzeugbaufirma in Höngg gegründet. Seit 1953 ist Utz in Bremgarten ansässig, wo die leerstehenden Gebäude einer ehemaligen Textilfabrik erworben wurden.
Fast 28 Jahre lang leitete der in Bern aufgewachsene Neuenburger Jean-Marc Dubois (60) das Unternehmen. Anfang Oktober hat Axel Ritzberger die Führung übernommen. Der 43-jährige Zürcher ist Bauingenieur und hat an der Hochschule St. Gallen eine Managerausbildung absolviert. Er war für Hilti, Sarna und Sika tätig. Zuletzt leitete er bei Sika als Vorsitzender des Bereichs „Roofing“ die Eingliederung der Sarna.

Hohe Wachstumsdynamik
Bevor Dubois zu Georg Utz wechselte, war er für Escher Wyss und Oerlikon Bührle tätig. In seiner „Ära“ kletterte der Utz-Umsatz von 20 Millionen auf zuletzt 230 Millionen Franken. Heuer dürfte ein weiterer Wachstumsschub von 20 Prozent gelingen. Die Zahl der Beschäftigten stieg allein seit 2006 von 670 auf über 800 Personen. Davon arbeiten 220 in der Schweiz, wo heute ein Fünftel des Gruppenumsatzes erwirtschaftet wird und 20 der 50 Lernenden ausgebildet werden.
Utz verfügt weltweit über 30 Vertretungen und ein Netz von 8 Tochterfirmen, allesamt Produktionsbetriebe, die zusätzlich kundenspezifische Entwicklungsarbeit leisten. Das Schwergewicht liegt in Europa (Schweiz, Deutschland, Frankreich, Polen und England), weitere Töchter wurden in den USA (Columbus/Indiana) und China (Suzhou) gegründet. Jede zusätzliche Tochter, hält Dubois im Rückblick fest, habe zusätzliches Wachstum generiert und damit auch zur Stärkung der Heimbasis beigetragen. Gemäss eigenen Angaben zählt Utz in Europa zu den Top 3.

Der Evergreen ist die Rako-Box
Die Unternehmensgruppe verarbeitet pro Jahr rund 35 000 Tonnen Kunststoff zu mehr als 5000 verschiedenen Produkten – Behälter, Paletten und Werkstückträger – für Lager- und Transportzwecke; Rezyklate machen gut einen Zehntel der verarbeiteten Kunststoffe aus. Spritzguss (bei Grossserien) und das Tiefziehen sind die zentralen Verfahrenstechniken. Zu einem wichtigen Pfeiler sind Mehrwegtransportsysteme geworden. Rund 60 Prozent der Behälter Marke Utz sind kundenspezifische Lösungen. Aus dem breiten Sortiment der Standardprodukte ragt die (zumeist graue) Rako-Box heraus: 1967 lanciert, darf dieser Behälter als Evergreen bezeichnet werden, als Schweizer Markenartikel, der seinen Weg bis in die Regale von ausgewählten Grossverteilern und Heimwerkermärkten gefunden hat und internationales Renommee geniesst, wie ein kurzer Google-Test im Internet belegt. Grau ist übrigens noch immer die meistverwendete Rako-Variante: Einerseits wird diese Farbe mit einem bestimmten Qualitätslevel in Verbindung gebracht. Andererseits handelt es sich um die günstigste Variante, weil dem ursprünglich milchig trüben Kunststoffgranulat am wenigsten Farbe beigemischt werden muss, um eben ein graues Produkt fertigen zu können.

Mehr Kunststoff, mehr Mehrweg
Die Utz-Gruppe beliefert weltweit rund 10 000 Kunden. Ungefähr die Hälfte des Umsatzes wird mit Produkten beziehungsweise Lösungen für die Automobilindustrie erzielt. Es folgen Postorganisationen und Logistikbetriebe, Händler sowie Elektronik- und Pharmafirmen. Zwei Wachstumstreiber stehen im Vordergrund: Zunehmend ersetzt Kunststoff andere Materialien. Dubois erwähnt in diesem Zusammenhang stellvertretend die Grossverteiler Migros und Coop: Vor 28 Jahren setzten diese bei Transportverpackungen noch zu grossen Teilen auf Karton, heute fast ausschliesslich auf Mehrweggebinde aus Kunststoff. Die verarbeiteten Rohstoffe haben sich innert vier Jahren um den Faktor 2,5 verteuert. Mit einem hohen Innovationsrhythmus und der Ausrichtung auf qualitativ hochstehende Systemlösungen begegnet Utz dieser Kostenherausforderung. Interessantes Potenzial bietet der Weiterausbau der Logistikketten selbst in relativ reifen Märkten wie (West-)Europa.

Firmenverkauf kein Thema
Das jüngste Expansionsprojekt betrifft den Ausbau der Fabrikationskapazität im US-Werk in Columbus für 20 Millionen Franken. Summa summarum hat Utz in den letzten zehn Jahren 200 Millionen Franken investiert. Gleichwohl steht die Gruppe schuldenfrei da. Ein Verkauf des Familienunternehmens stehe überhaupt nicht zur Debatte, antwortet Dieter Utz als Vertreter des langjährigen Mehrheitsaktionärs dezidiert. Utz, Geschäftsführer und Inhaber eines Zürcher Orgelbaubetriebes, hat das Präsidium des Holding-Verwaltungsrats an den bisherigen CEO übergeben. Jean-Marc Dubois gönnt sich nun eine sechsmonatige Pause („erstmals nach 37 Jahren Berufsleben“). An nächsten Zielen fehlt es ihm nicht: Dubois möchte den Marathon noch einmal unter vier Stunden laufen und endlich Spanisch lernen.

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Neuer Chef: CEO Axel Ritzberger, flankiert von Dieter Utz (links) und seinem Vorgänger Jean-Marc Dubois. Im gezeigten Werkstückträger werden Stanzteile für Fahrzeuglenksäulen zwischengelagert.